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Angst, Einsamkeit, Sorgen – mit der aktuellen Krisensituation verbinden wir oftmals negative Gedanken und Gefühle. Bis zu einem gewissen Ausmaß sind diese auch erwartbar und normal. Doch darauf fixieren sollten wir uns nicht.


Die gute Nachricht ist: Auch in Zeiten wie diesen können wir unseren Blick ganz bewusst auf das Positive richten. Finden lässt es sich nämlich – mit ein wenig Kreativität kann der Perspektivwechsel gelingen. Wir haben mit unseren Expert*innen darüber gesprochen, wie wir negative Gefühle mit Bedacht annehmen und gleichzeitig das Gute stärker in den Blick nehmen.

Die Fragen beantworten Diplom-Psychologin Anita Smida und Diplom-Psychologe Christoph Bartelworth vom Psychologischen Fachdienst des CJD.

Stichwort Nummer 1 in Zeiten von Corona: Einsamkeit. Wie können wir ihr am besten vorbeugen?

Einsamkeit ist keine Erfindung der Corona-Krise. Es ist nur nicht mehr möglich, ihr mit den üblichen Mitteln entgegen zu steuern: Kaffeeklatsch, Kinobesuch, ein Sonntagsspaziergang mit Freunden, Vereine und Clubs, das geht alles nicht. Es ist der Verlust vertrauten Verhaltens, den wir hinnehmen müssen, nicht aber den Verlust derer, die uns wichtig sind. Wir sind alle noch da! Und die Situation wird nicht ewig dauern. Wir können unsere Einstellung anpassen und kreativ werden. Wir müssen uns trauen, vorhandene Kontaktmöglichkeiten zu nutzen und aktiv auf andere zuzugehen. Es besteht kein Grund zur Sorge, nicht willkommen oder sogar lästig zu sein. Umgekehrt kann man jeden, der mit einem in Kontakt tritt, spüren lassen, dass man sich darüber freut und ihn zu weiteren Kontakten ermutigen. Und ganz nebenbei sollte man nicht vergessen, dass man sich noch selbst hat. Jetzt ist die Zeit dafür, sich selbst der beste Freund zu werden: Sich Gutes tun, sich kleine Freuden bereiten – beim nächsten Telefonat kann man dann darüber berichten, aber auch von seinen Sorgen und Ängsten. Wer immer nur "gut dastehen" will, schafft Distanz zu sich selbst und damit auch zu anderen. So wird echtes Mitgefühl verhindert, und daraus entsteht ebenfalls Einsamkeit. Ganz ohne Corona.

Auch wenn digitale und telefonische Kontakte stattfinden – viele vermissen ja insbesondere physischen Kontakt und persönliche Nähe.

Ja, das "Social Distancing" verlangt uns vor allem Berührungsabstinenz im körperlichen Sinne ab. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anders zu berühren oder sich berühren zu lassen. Sich Zeit nehmen, ernsthaftes Interesse daran zeigen, wie es anderen geht und ein ehrlicher Umgang mit der eigenen Befindlichkeit – das alles schafft solche Berührungen. Wir müssen über die sozialen Floskeln hinausgehen: Das übliche "Wie geht’s? Gut, und selbst?" reicht da nicht. Besser wäre: "Wie erlebst du die Zeit gerade, hast du Sorgen, kann ich etwas für dich tun?" Die Qualität der Kontakte muss die von vielen als ungenügend erlebte Art des Kontaktes ausgleichen. Es ist wichtig, sich gegenseitig zu versichern, dass man sich auf das Wiedersehen freut und gemeinsam Pläne dafür zu machen. Sicher ist es schmerzlich, jetzt Menschen missen zu müssen, aber in dem Schmerz zu erkennen, welche Wertschätzung und Zuneigung wir für jemanden empfinden, hat auch seine Bedeutung.

Offen sprechen sollte man auch über Ängste, die viele Menschen aufgrund der Situation empfinden. Was kann ihnen im Umgang damit helfen?

Ein gewisses Maß an Angst macht Sinn. Sie dient als Alarmsystem, wenn objektiv erkennbare Bedrohungen auftreten und will uns dazu bringen, uns entsprechend zu schützen. Das ist natürlich auch in der aktuellen Situation so. Gelingt es, Lösungen dafür zu finden, signalisiert unser System Entwarnung und wir entspannen uns – bis zum nächsten Alarm. Momentan fehlen jedoch zuverlässige Mittel, eine konkrete Lösung ist noch nicht in Aussicht. So entsteht Hilflosigkeit und das Angstlevel steigt. Diese Restunsicherheit bis zur endgültigen Bewältigung der Krise müssen wir akzeptieren. Trotzdem können wir vieles tun – die Verhaltensempfehlungen und Einschränkungen akzeptieren beispielsweise, und das gute Gefühl zulassen, dass wir so Zeit für Lösungen gewinnen und Ressourcen sichern. Für viele wird das ausreichen, um sich einigermaßen entspannen zu können und handlungsfähig zu bleiben. Wer aber körperliche Reaktionen wie Herzrasen, Schweißausbrüche oder Beklemmungsgefühle bemerkt, sollte handeln. Atemübungen und Entspannungstechniken sind Möglichkeiten, das Körperempfinden positiv zu beeinflussen. Dazu sind Handy-Apps und Anleitungen im Internet verfügbar. Auch ein vernünftiges Maß an Information trägt zur Entspannung bei. Es reicht, sich zwei Mal am Tag für zehn Minuten mit dem Thema zu beschäftigen und sich ansonsten bewusst dagegen zu entscheiden.

Wann ist professionelle Hilfe angesagt?

Wie schon ausgeführt ist es wichtig, Angst, Sorgen und Stress zunächst als normale Gefühle wahrzunehmen und anzuerkennen. Kritisch wird es, wenn wir uns darauf fixieren. Dann sollte man gegensteuern und sich ganz bewusst abwenden von Katastrophisierungen, hinwenden zum Positiven. Angemessene Anpassungen an die Situation sind Besonnenheit, Wachsamkeit und ein unaufgeregter, möglichst sachlicher Umgang mit der Bedrohungslage, der weder verharmlost noch verängstigt. Hellhörig werden sollte man dann, wenn sich Anzeichen wie nicht abstellbares Gedankenkreisen und Grübeln, Schlaflosigkeit über einen Zeitraum von mehr als drei Tagen, Vernachlässigung der Alltagstätigkeiten, andauernde trübe Stimmung und vor allem suizidale Gedanken einstellen. Dann ist professionelle Unterstützung angezeigt und man sollte sich nicht scheuen, diese auch in Anspruch zu nehmen.