Das CJD - Die Chancengeber CJD Württemberg

 

 

 

 

Von der Großfamilie bis hin zu allein lebenden Menschen: Die Folgen der Ausbreitung des Corona-Virus sind bei jedem von uns im Alltag spürbar. Die Osterfeiertage erleben wir dieses Jahr anders als gewohnt.

Was also können wir tun, um auch in Stresssituationen möglichst ausgeglichen und entspannt zu bleiben? Unsere Expert*innen erklären, was aus psychologischer Perspektive ratsam ist, um die innere "Balance" zu halten.

Die Fragen beantworten Diplom-Psychologin Anita Smida und Diplom-Psychologe Christoph Bartelworth vom Psychologischen Fachdienst des CJD.

Geschlossene Schulen und Kitas, Homeoffice & Co.: Familien verbringen gerade deutlich mehr Zeit zusammen als sonst. Wie können sie für eine weiterhin harmonische Stimmung und ein gutes Zusammenleben sorgen?

Wie wir Situationen erleben, hängt stark davon ab, wie wir sie bewerten. Ein "Oh je, jetzt sind wir zum Zusammensein verdonnert" fühlt sich anders an als "ach schön, so viel Zeit miteinander hatten wir lange nicht mehr". Es reicht allerdings nicht aus, so zu denken, es sollte auch kommuniziert werden. Im Idealfall entsteht daraus eine tragfähige Grundhaltung. Auch hier helfen klare Strukturen: Die meisten Schulen stellen Arbeitsmaterialien zur Verfügung. Vereinbarungen, wann diese erledigt werden müssen, sind wichtig. Kleinere Kinder müssen in der Auswahl ihrer Beschäftigung unterstützt werden. Wie werden die Aufgaben im Haushalt verteilt? Wieviel gemeinsame Zeit steht zur Verfügung? Wann brauchen die Eltern Ruhe, um zu arbeiten? Wie gehen wir mit Konflikten um? Je klarer die Abläufe sind, desto weniger Stress entsteht durch endlose Diskussionen. Rituale wie tägliche "Familienkonferenzen" helfen dabei, den Tag zu strukturieren. Und wenn es gelingt, abends noch zusammenzukommen, um sich für alles, was gelungen ist, zu loben und schon mal Verbesserungsvorschläge für die nächste "Konferenz" zu sammeln, dann war das ein guter Tag.

Wie sollten sich allein lebende Menschen verhalten?

Vielleicht haben allein lebende Menschen sogar eine recht gute Voraussetzung, mit der aktuellen Situation umzugehen. Sie leben ja nicht erst seit Ausbruch der Pandemie allein. Ihre Alltagsstrukturen sollten erprobt sein und funktionieren - wichtig ist es, sie aufrecht zu erhalten. Herausfordernd wird hier die Pflege sozialer Kontakte sein. Viele Menschen sind über Social Media, Messenger-Dienste und Telefon bereits gut vernetzt. Je selbstverständlicher diese Medien bisher genutzt wurden, desto leichter wird es fallen, die Kontakte vorübergehend ganz dorthin zu verlegen. Für andere wird es eine Herausforderung darstellen, sich jetzt damit auseinander setzen zu müssen. Niemand sollte sich scheuen, hier Unterstützung einzufordern.

Wie kann ich andere unterstützen, denen es mit der Situation weniger gut geht?

Es ist erwiesen, dass schon "unspezifische Zuwendung" therapeutischen Charakter haben kann. Das heißt: Interesse zeigen, sich etwas Zeit nehmen, zuhören und abschätzen, ob jemand vielleicht professionelle Hilfe braucht. Gerade Menschen mit depressiven Symptomen fehlt oft der Antrieb, für sich selber aktiv zu werden. Dann bietet sich an, gemeinsam mit dem oder der Betroffenen Telefonnummern von Beratungsstellen, Krankenkassen oder Therapeut*innen herauszusuchen und ihn oder sie zu ermutigen, dort anzurufen. Jede*r Helfer*in sollte bei allem lobenswerten Engagement dabei genau auf seine/ihre Belastungsgrenze achten. Es nützt niemandem, sich zu verausgaben und dann womöglich selber Hilfe zu benötigen.

Lassen sich der derzeitigen Lage aus Ihrer Sicht auch positive Seiten abgewinnen?

Krisen bieten immer auch eine Chance zur Neuorientierung. Wir werden auf Wesentliches zurückgeworfen: Gesundheit, Familie, Natur, Mitmenschen sind stärker im Fokus. Vieles, was bisher selbstverständlich erschien, bekommt einen neuen Stellenwert. Die Luftverschmutzung geht zurück, vielerorts steigt die Rücksichtnahme auf andere, ganze Berufsgruppen werden aufgewertet. Zugegeben, das ist das Ergebnis eines uns aufgezwungenen und recht schmerzlichen "Experiments" - trotzdem ist zu hoffen, dass bei einigen ein Umdenken angestoßen wird und mehr Bewusstsein für bestimmte Bereiche des Lebens entsteht. Da wir alle gezwungen sind, soziale Medien verstärkt zu nutzen, stellen sich bei dem einen oder anderen vielleicht auch mehr Toleranz und Verständnis für die Generation derer ein, die starke Nutzer sind, ohne natürlich übermäßigen und schädlichen Gebrauch schönreden zu wollen. Entschleunigung und weniger Konsumdenken, das (Wieder-)Erleben der eigenen Kreativität und der Wert des Einfachen könnten sich jetzt für viele als heilsam erweisen.